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Gedanken- und Erinnerungssplitter zu “Passages” für Trompete und Streicher

Gedanken- und Erinnerungssplitter zu “Passages” für Trompete und Streicher

Victor Fenigstein

Übergänge von einem Zustand in den andern haben mich schon immer fasziniert, weil sie oft schwer vorherzusagen sind, meistens noch schwieriger ihr Zeitpunkt vorherzubestimmen ist, und doch erwartet sie jeder...

Während eines Aufenthaltes in Bath (Grossbritannien) überraschten mich die akustischen Signale der Verkehrsampeln, die jedesmal, wenn «rot» die Fahrzeuge anhielt und «grün» die Fussgänger zum Überqueren der Strasse einlud, zusätzlich einen sich rasch wiederholenden, relativ hohen und eindringlichen Ton von sich gaben. Der hiess für die Fussgänger also «geh' schnell rüber» und für die Fahrzeuge «warten».

So viele Lebensäusserungen lassen sich als ein mehr oder weniger konfliktschwangeres Zusammen- und Gegeneinanderspiel von «Grünlicht und Rotlicht» auffassen...

Abwarten des Grünlichts und Respektieren des Rotlichts will gelernt sein, zum eigenen Schutz, aus eigenstem kräfteökonomischem Interesse...

Übergang bald als sich notwendig aufdrängende, oft ungestüm einsetzende, überraschende, überrumpelnde, bald als längst erwartete, harmonisch vorbereitete Aufforderung zur Veränderung...

Auch eine Brücke ist ein Übergang... wie banal... wie wichtig...

Eine Passage ist auch ein Durchgang... materiell oder auch mystisch...

Victor Fenigstein, Passages für Trompete und Streicher

Victor Fenigstein, Passages für Trompete und Streicher

Anlässlich eines Konzerts des Symphonieorchesters von Radio-Télé-Luxembourg horchte ich auf, als der erste Solotrompeter spielte: ein sensibler Könner auf seinem Instrument. Er heisst Gérard Millière, ist ein junger bescheidener Mann, interessiert an allem, was mit der Trompete und den Blechblasinstrumenten ganz allgemein zu tun hat, aber auch jedem ernsthaften Versuch neuer musikalischer Ausdrucksweise gegenüber aufgeschlossen.

Für ihn wollte ich etwas schreiben. Ihm sind die «Passages» gewidmet.

Die Solopartie soll nicht den «positiven Helden» wie so oft beim Repertoire der Vergangenheit verkörpern...

Das Orchester soll kein «im Dienst dieses Helden» ergrauter «brillanter Begleiter» sein...

Da wird stellenweise auf die Streichinstrumente geklopft, aber auch auf die Trompete; beileibe nicht mit einem «schweren Eisenhammer», sondern mit den empfindsamen Fingerspitzen (das sei doch gleich zur Beruhigung der traditionsbewussten Instrumentalisten gesagt). Es geschieht auch nicht aus billiger Effekthascherei, sondern bloss zur Erweiterung der klanglichen Palette mit Hilfe der vorhandenen Instrumente und ihrer Möglichkeiten...

Schon höre ich den Einwand: «Um auf die Geige zu klopfen, haben wir nicht so ausdauernd und prächtig — letzteres wird natürlich aus Bescheidenheit nicht gesagt, doch wohl als selbstverständlich vorausgesetzt — das Geigenspiel erlernt.» Das sind dann dieselben grossen Künstler, die auch ein «con legno»-Spiel zutiefst verachten... und es auch, wenn von der Partitur verlangt, nie können...

«Ad libitum-Teile ohne Taktvorschrift? tempo a piacere... molto libero... circa 1'45» als Angabe der Dauer? Entweder weiss der Komponist nicht, was er will, oder er öffnet bewusst dem reinsten Chaos Tür und Tor... richtige Propaganda für Anarchie... das machen wir nicht mit!» Mit anderen Worten: lieber überhaupt nicht spielen, als selbst bestimmen, wann und wo man spielen will, denn da besteht ja die «Gefahr», dass man allein oder gemeinsam mit anderen ausprobieren soll, wie man es am liebsten hat, und da könnte man ja plötzlich herausfinden, dass es vielerlei Möglichkeiten zum «richtigen» Einsatz gibt, oh Schreck!... und noch schlimmer... das Ausprobieren könnte sich zum amüsanten Spiel auswachsen, wobei kostbare Zeit verloren geht... für eine Musik zum Spielen...

Victor Fenigstein

Victor Fenigstein

Brass Bulletin 18, II / 1977 Seiten 9–11

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