Machen Sie Brass Bulletin an Ihrer Hochschule, Ihrem Konservatorium oder Ihrer Bibliothek verfügbar Institutionellen Zugang entdecken

4 Min. Lesezeit

Das Horn ist mein Instrument

Das Horn ist mein Instrument

George Barboteu

Seit frühester Jugend war ich von Musik umgeben : es wurde gesungen, geprobt, gelehrt und gespielt, so lange ich mich erinnern kann. Schon als kleiner Junge bekam ich Hornstunden von meinem Vater, der Solo-Hornist an der Oper, später am Radio-Orchester in Algier war, wo er auch am Konservatorium unterrichtete. Bereits mit 12 Jahren erhielt ich meinen Ersten Preis ! Von dann an spielte ich in Orchestern mit, denn Berufsmusiker (sogar Buben !) waren damals sehr gesucht, weil die meisten Musiker mehr oder weniger Amateure waren.

Eine der grössten Freuden in meinem Leben zu der Zeit war das Engagement am Orchester vom Grand Casino in Biarritz für zwei Spielsaisons (1938 und 1939), zusammen mit meinem Vater ! Von dort aus hatte ich Gelegenheit, Frankreich kennen zu lernen und ausgezeichnete Konzerte, Solisten und Dirigenten zu hören. Gerade da ich als Schüler von Herrn Devémy in das Conservatoire national supérieur eintreten sollte, zwang mich der Ausbruch des Krieges zur Rückkehr nach Algier. Ich wurde dort 2. Hornist am Radio-Orchester, wo mein Vater mich grosszügigerweise die Solopartien blasen liess, sodass ich nach drei Jahren offiziell seine Stelle übernehmen konnte.

Ich entschloss mich dann, meine musikalischen Kenntnisse zu vertiefen und studierte Harmonie, Kontrapunkt und Fuge. Auch fing ich an, Kontrabass zu spielen, was mir den Zugang in die Welt der Jazz-Musik ermöglichte, ein wegen der Rhythmik aufregendes Erlebnis ! Ich machte Bearbeitungen und fing zu komponieren an, etwas das immer mein beliebtestes Hobby geblieben ist : es ist überaus faszinierend, die zahllosen Möglichkeiten meines herrlichen Instrumentes zu entdecken und zu nützen !

Erst 1948 kam ich nach Paris zurück und zwar trat ich dem ORTF-Orchester bei, mit dem ich meine ersten Konzertreisen durch Kanada und die Vereinigten Staaten machte, unter der Leitung von Charles Munch. Später kamen Europa und seine Festivals an die Reihe mit dem Orchestre de la Société des concerts du Conservatoire. Und endlich 1950 verwirklichte sich mein langjähriger Traum : ich wurde Schüler des Pariser Konservatoriums ! Ich gewann im gleichen Jahr meinen Prix d'Honneur und im Jahr darauf den (einstimmig erteilten) Ersten Preis am Internationalen Musikwettbewerb in Genf. Es war hier in Genf, nachdem ich die vielen Methoden des Hornspiels gehört hatte, dass ich realisierte, wie dringend es für uns Hornisten war, zwecks Verbesserung unseres Könnens und unseres Verständnisses, eine Synthese der verschiedenen Methoden zu schaffen.

In Frankreich war das « vibrato » damals grosse Mode, sodass wir, wenn wir z.B. deutsche oder österreichische Hornisten (die kein kontinuierliches Vibrato spielten) hörten, ihre Art zu spielen reichlich merkwürdig fanden. Der grosse Hornist und Lehrer Edmond Leloir, Genf, hat mir geholfen, mich mit diesem Problem auseinanderzusetzen und hat mich zum Einsehen gebracht, dass wir französische Hornisten mit dem kontinuierlichen Vibrato, einer zu künstlichen und leichten Lösung, brechen mussten. Eigentlich sind es die Engländer mit Denis Brain an der Spitze, die als erste die Synthese verwirklicht haben, indem sie zu ihrer eigenen Spielart das Beste aus der französischen und der deutschen Methode hinzunahmen.

Für Schallplattenaufnahmen wurde es unerlässlich, dass man den vollen runden Ton hatte, der international verlangt wurde, ja, das ging so weit, dass der Besitz eines deutschen Ventilhorns quasi ein « muss » wurde ! Trotz der ausgezeichneten Eigenschaften dieses Horns und seines Erfolgs in Frankreich, bin ich immer noch der Ansicht, dass es viel weniger auf die Art des Horns ankommt, als auf die Kunst des Spielens. Ich selbst habe immer ein französisches Horn gehabt, das ich sowohl in Konzerten wie für Schallplatten, als Solist oder in grossen oder kleinen Orchestern, sowohl für klassische als auch für « leichte » Musik verwendet habe.

Ich habe sogar Aufnahmen mit Duke Ellington gemacht ! Es ist des Hornisten besonderes Glück, dass er alle Arten Musik, von Barock bis Avant-Garde, von populärer bis Pop-Musik spielen kann, ohne den Stil zu ändern. Sogar wenn wir uns spezialisiert haben, können wir ohne Weiteres von einer Art Musik in die andere hinüberwechseln. 

Schallplatten und Radio haben uns mit allen grossen Solisten und Dirigenten bekannt gemacht und dies mag dazu geführt haben, dass viele unserer Hornisten, die die allbekannte französische Finger- und Zungentechnik spielten, umstellten und die Synthese mit den anderen Methoden vollzogen, genau wie es ihre Kollegen in anderen Ländern machten.

Es ist mein grösster Wunsch, dass dies zu vermehrtem Kontakt zwischen allen Hornisten der Welt, zu Freundschaft und Verständnis führen möge. Als Professor am Pariser Konservatorium und Mitglied der Gruppe Ars Nova habe ich Gelegenheit, vielen grossen Künstlern und Lehrern aller Länder zu begegnen, und ich fühle, dass sich eine grosse Wandlung in der Welt der Blechbläser vollzieht : Mit Hilfe der neuen Musik spielt sich der Bläser vom Gruppenmusiker zum Solisten empor, während sein Instrument zu dem wird, was es naturgemäss ist : zum Solo-Instrument !

Sieht von allen Musikinstrumenten nicht das Blechblasinstrument mit seinem ausdrucksvollen Ton der menschlichen Stimme am nächsten ?

Brass Bulletin 4, I / 1973 Seiten 13–19

Alle Inhalte sind urheberrechtlich geschützt © Brass Bulletin 1973–2026

Artikel teilen

Facebook LinkedIn
Wird geladen…

Fragen und Antworten

So funktioniert die digitale Ausgabe

Was enthält die digitale Ausgabe?

Die digitale Ausgabe vereint die bereits digitalisierten Artikel als lesbare und durchsuchbare Online-Texte – nicht nur als Scans oder PDF-Dateien – mit ihren ursprünglichen Abbildungen, Anmerkungen, Angaben zu Autoren und Ausgaben sowie den verfügbaren Übersetzungen. Empfehlungen verwandter Artikel umfassen derzeit nur dieses digitalisierte Material.

Sind die digitalen Artikel mit den Originalen identisch?

Wir bewahren den ursprünglichen Text, die Sprache, Abbildungen, Bildlegenden, Fußnoten und den redaktionellen Kontext so originalgetreu wie möglich. Die Darstellung wird für ein angenehmes Lesen am Bildschirm angepasst; offensichtliche Übertragungs- oder Scanfehler können korrigiert werden. Inhalt und Charakter des veröffentlichten Artikels bleiben unverändert.

Welche Sprachen sind verfügbar?

Brass Bulletin erschien während seiner gesamten Geschichte auf Englisch, Französisch und Deutsch. Italienische und spanische Übersetzungen kamen ab Ausgabe Nr. 60 hinzu.

Auf der italienischen und der spanischen Website werden die Artikel aus den Ausgaben 1 bis 59 daher standardmäßig auf Englisch angezeigt.

Wie oft werden neue Artikel hinzugefügt?

Neue Artikel werden fast täglich hinzugefügt; ungefähr eine vollständige Ausgabe wird pro Woche digitalisiert. Das Tempo kann je nach erforderlicher Vorbereitung, Bildbearbeitung und redaktioneller Prüfung variieren.

Warum sind noch nicht alle Artikel digital verfügbar?

Die vollständige Sammlung von Brass Bulletin umfasst 1’246 Artikel aus den Jahren 1971 bis 2003. Das vollständige Verzeichnis ist bereits online verfügbar und ermöglicht es, jeden Artikel der Sammlung zu entdecken – auch jene, deren vollständiger Text noch nicht digitalisiert wurde.

Die Digitalisierung begann im Februar 2026. Jeder Artikel wird sorgfältig für die Online-Lektüre aufbereitet, geprüft und mit seiner Ausgabe, den Autoren, Themen und Abbildungen verknüpft. Beim derzeitigen Digitalisierungstempo wird die vollständige Sammlung voraussichtlich bis Februar 2028 online verfügbar sein.

Warum verweisen manche Quellen auf Artikel, die noch nicht verfügbar sind?

Verweise in den Originalartikeln bleiben erhalten, auch wenn das Material, auf das sie hinweisen, noch nicht digitalisiert wurde. So bleiben die historischen und redaktionellen Zusammenhänge vollständig erhalten. Mit jeder weiteren digitalisierten Ausgabe werden mehr dieser Verweise zu online lesbaren Artikeln führen.

Kann ich einen Artikel vorschlagen oder einen Übertragungsfehler melden?

Ja. Wenn Sie einen bestimmten Artikel gerne digitalisiert sehen möchten oder einen möglichen Übertragungsfehler beziehungsweise eine fehlende Information entdecken, nehmen Sie bitte Kontakt mit uns auf. Rückmeldungen unserer Leser helfen uns, die digitale Ausgabe zu verbessern und sinnvolle Prioritäten im Archiv zu setzen.

Wie kann ich Brass Bulletin unterstützen?

Ihre Unterstützung hilft, die Aufbereitung, Überprüfung und Online-Veröffentlichung der vollständigen Sammlung zu finanzieren.

Digitalausgabe abonnieren

Möchten Sie uns lieber unterstützen, ohne ein Abonnement abzuschließen?

Spenden

Brass Bulletin durchsuchen.