Brass Bulletin 14, II / 1976 (Seite 8–12) · 7 Min. Lesezeit
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Komponist-Interpret-Lehrer-Student

Forderungen und Anforderungen im heutigen Musikleben

Welche Rolle hat der Musiker heute? Willi Gohl hinterfragt Komposition, Pädagogik und Gesellschaft — und plädiert für eine menschlichere, freiere Musik.

Interview mit Willi Gohl

Brass Bulletin: Wie sehen Sie, Herr Gohl, als Direktor eines Konservatoriums (Winterthur), als Interpret, Dirigent und Musikleiter, die Aufgabe des heutigen Komponisten?

Willi Gohl: Der heutige schöpfende Musiker hat, dem innern Impuls und der äussern Notwendigkeit gehorchend, neue Ausdrucksmöglichkeiten zu suchen. Diese können verschiedener Art sein: zum Beispiel Ausdruck unserer Zeit und ihrer Probleme, oder, wie der Psychologe C. G. Jung verlangt: Kompensation und Vervollständigung der jetzigen Epoche oder auch eine Kombination von beiden.

BB: Ist eine solche Kompensation überhaupt möglich und machbar?

WG: Sicher. Hat nicht Heinrich Schütz mit seiner geistlichen Musik die Greuel des 30jährigen Krieges in Deutschland kompensiert? Und war Bachs Musik nicht ein Gegengewicht zur Frivolität des 18. Jahrhunderts und, in ihrer innern Heiterkeit, eine Vervollständigung?

BB: Gibt der kreative Künstler nicht bloss seinem persönlichen Seelenzustand Ausdruck?

WG: Vielleicht ist der Seelenzustand eines Künstlers bereits Ausdruck unserer Zeit, unserer Welt, unserer Probleme ... Wie dem auch sei, eine Norm kann wohl nicht aufgestellt werden und sicher ist, dass es zwischen den anachronistischen Spätromantikern und den kühnen Avantgardisten alle Nuancen und Grade von Komponisten gibt.

BB: Wie sehen Sie die soziale und materielle Lage des heutigen Musikers?

WG: Im Vergleich zu früher hat sie sich wesentlich gebessert und zwar nicht zuletzt dank der Massenmedien, die einen grossen «Musikkonsum» haben. Radio und Fernsehen haben die wichtige Aufgabe, das Publikum über alles Neue auf musikalischem Gebiete zu orientieren und soviel und sooft wie möglich live-Sendungen zu bringen, um auf diese Weise sowohl Musiker wie Künstler zu stimulieren.

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