Brass Bulletin 34, II / 1981 (Seite 55–59) · 5 Min. Lesezeit
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Posaunen-Arbeit

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Posaunen-Arbeit

Zu der bescheidenen Ausbeute unserer Umfrage in Brass Bulletin 29 gehört eine sympathische Zuschrift von Helmut Schweiker, seines Zeichens «Landesjugendreferent für Posaunenarbeit» im Evangelischen Jugendwerk Württembergs. «Ich möchte Ihnen keinen Beitrag zum Abdrucken schicken», schreibt er, «sondern nur vom Vorhandensein der Laienbläser im evangelischen Bereich etwas berichten.»

Es ist nicht das erste Mal, dass wir das tun, und wird auch nicht das letzte Mal sein. In Brass Bulletin Nr. 18 hat uns Wilhelm Ehmann über Johannes Kuhlo berichtet, den Begründer der deutschen Posaunenchorbewegung, aber auch die heutige Entwicklung der Posaunenchöre kurz skizziert. Von dieser Nummer an erzählt uns Deborah Olsen die phantastische Geschichte der frommen deutschen Bläserschar, die es im Wilden Westen zu erstaunlichem Ruhm bringen sollte (siehe Seite 13). [Artikel lesen]

In der Tat, wo immer, zwischen Krim und Feuerland, sich Deutsche (reformierten Bekenntnisses) niederliessen, da gab es alsbald den Posaunenchor so sicher wie die Skatrunde. Der Posaunenchor als echter kultureller Beitrag von spezifisch deutscher, spezifisch christlicher und spezifisch blechbläserischer Prägung verdient es, in weitere geschichtliche Zusammenhänge gestellt zu werden.

So ungefähr von den Pharaonen bis zu Napoleon war ja das Blechblasen bekanntlich nicht jedermanns Sache. Da durften nur Gottesleute einerseits und Höflinge und Krieger andererseits in die Trompete stossen, zum Ruhme Gottes beziehungsweise demjenigen irdischer Potentaten, in deren Sold begnadete Virtuosen des 18. Jahrhunderts, zum Ergötzen eines erlesenen Publikums, ihre blechbläserischen Künste auf die Spitze trieben.

Doch kaum hatten, in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, deutsche Tüftler die Blechblasinstrumente mit einer chromatischen Mechanik versehen, stand die jahrtausendealte Soziologie der Blechblasinstrumente sozusagen Kopf: die Trompeten wurden zu Volksinstrumenten (für die man in «besseren Kreisen» nur ein mildes Nasenrümpfen übrig hatte) und das Blechblasen zu einer weltweiten Massenbewegung, die — es muss einmal gesagt sein — in ihren Ausmassen vielleicht nur mit dem Fussballspiel zu vergleichen ist.

Doch wie so oft nach Revolutionen schälten sich auch nach jener der Blechblasinstrumente bald wieder alte Strukturen heraus. Während sich die bürgerlichen Blechmusiken, ob uniformiert oder nicht, von der «militärischen» Wurzel des Blechblasens herleiteten, wurde in anderen Kreisen auch bald wieder zum Lob Gottes geblasen.

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Zu den wichtigsten christlichen Bläserbewegungen wurden die deutschen Posaunenchöre, seit 1843 vom Pastor Kuhlo propagiert, und die Musikkorps der 1878 von William Booth gegründeten Heilsarmee. Beiden ist gemeinsam, dass sie das Blasen als eine Form des Dienstes betrachten, des Gottesdienstes und des Dienstes am Nächsten, und dass sie, auch mit missionarischer Motivation, blechbläserische Nachwuchsschulung auf breitester Basis betreiben.

Während sich jedoch bei der Heilsarmee mehr oder minder professionelle Eliteformationen gebildet haben, die auch weltlichem Rampenlicht und Virtuosentum nicht abhold sind, steht den Posaunenchoristen Spektakuläres fern (auch wenn ihrem Kreise nicht wenige später prominente Bläser erste Förderung verdanken).

Im Gegenteil, der Posaunenchor versteht sich ausdrücklich als dilettantische Institution und, entsprechend seinem christlichen Missionsauftrag, als Massenbewegung im bestmöglichen Sinn des Wortes. «Das Wichtigste ist», schreibt Helmut Schweiker, «dass es uns gibt und dass dadurch auch Volksgruppen erreicht werden können, die nie und nimmer professionell werden können.»

Mehr als das: in echt christlicher Gesinnung wird ein jeder aufgenommen und keiner verstossen: «Für eine solide Ausbildung sind wir besorgt, aber jeder darf mitmachen, denn jeder ist begabt.»

Eine ebenso schlichte wie imponierende Maxime — und offenbar auch ein Erfolgsrezept. In allen deutschsprachigen Gemeinschaften in Ost und West ist das Posaunenchorwesen lebendig geblieben, und Helmut Schweikers württembergische Bläser-«Gemeinde» allein zählt nicht weniger als 15 000 Seelen, wovon mehr als ein Drittel Jugendliche — von Nachwuchssorgen kann also keine Rede sein.

Die Betreuung dieser sogenannten Jungbläser obliegt Helmut Schweiker, der auch für die Ausbildung der «Jungbläserleiter» zuständig ist, die — wie er selbst — Laienmusiker sind und bleiben wollen.

Bei Schweikers pädagogischem Wirken hört allerdings der Dilettantismus auf. Die Zielsetzungen und Methoden, die seiner gemeinsam mit Hans-Jürgen Hufeisen verfassten «Bläserschule für Posaunenchöre» und den dazugehörenden «Arbeitspapieren» zugrunde liegen, zeugen von liebevollerer und zeitgemässerer Beschäftigung mit der Materie, als sie mancher Pädagoge mit Hochschulweihen vorweisen kann.

Die Einführung in das Hören, Lesen und Blasen von Musik ist behutsam, phantasievoll und im besten Sinne kindertümlich. Ein weiter Weg seit den hemdsärmeligen Methoden der Posaunenchor-Väter, die dem Novizen ganz einfach ein Choralbuch, eine alte Tröte und eine Grifftabelle in die Hand drückten.

Das A und O dieser Pädagogik aber ist die Gruppenarbeit (um nicht zu sagen Gruppendynamik), der ein allgemein erzieherischer Wert beigemessen wird. Frontalunterricht ist hier nicht gefragt. «Das Miteinander in der Gruppe ist schon ein Erziehungsfaktor», heisst es da.

«Menschliche Konflikte sollen nicht unterdrückt oder mit Tönen überspielt, sondern besprochen und aufgearbeitet werden. Die Erziehung fängt dort an, wo Schüchterne, Starbläser, Aggressive und die, die 'schwer von Begriff' sind, in einer Gemeinschaft zusammengefasst werden.»

Dabei wird die religiöse Zielsetzung dieses Wirkens, das im Insider-Sprachgebrauch schlicht «Posaunenarbeit» heisst, in keiner Weise verbrämt. «Dem jungen Bläser im Posaunenchor sollte von Anfang an gesagt werden, welches bestimmte Ziel das Blasen hat und welcher Auftrag dahintersteht», heisst es da klipp und klar: «Das Blasen unserer Blechbläser geschieht unter dem Vorzeichen des Dienstes der Musik an der Gemeinde», und: «Die Freude, die durch das Musizieren entsteht, soll der Bläser im 'Lob Gottes' und im 'Dienst für andere' ausdrücken.»

Eine besonders wichtige Rolle spielt dabei das Element der «Verkündigung». Dass Pastor Kuhlo seine Bläserzirkel als Posaunenchöre bezeichnete, kommt nämlich nicht von ungefähr. Gemeint war nicht etwa, dass hier vor allem Posaunen geblasen wurden, sondern Kuhlo wollte an die «Posaunen» (Businen) der Lutherschen Bibelübersetzung anknüpfen, also die Trompeten Mose oder die der Erzengel, der Herolde Gottes.

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Kurioserweise sollten dann aber in Kuhlos Posaunenchören weder Trompeten noch Posaunen den Ton angeben, sondern die Familie der Bügelhörner mit ihrem vollen, aber absolut glanzlosen Klang. In den heutigen Posaunenchören sind alle Blechblasinstrumente in B-Stimmung vertreten.

Dabei wird beharrlich an einer Eigentümlichkeit festgehalten, an der man den Posaunenchoristen sofort erkennt: auch die hohen B-Instrumente lesen von allem Anfang an nur klingend in C (d.h. das notierte C wird 1+3 bzw. 1, das G 1+2 gegriffen), denn das Nahziel der «Jungbläser»-Schulung ist nach wie vor, im Gottesdienst zur Orgel die Choräle aus dem Gesangbuch mitblasen zu können.

Dass die «Jungbläser» dadurch in gewissem Masse von der übrigen Blechbläserwelt isoliert werden (z.B. nicht ohne weiteres mal bei einem Musikverein «einsteigen» können), scheint kein Diskussionsthema zu sein.

Doch nicht dass die christliche Bläsergemeinde, der ein Mann mit dem bescheidenen, aber klangvollen Namen «Landesposaunenwart» vorsteht, profanen Musizierfreuden abhold wäre. Weltliche Stücke alter und neuer Meister sowie Volksmusikgut machen einen wesentlichen Teil des Repertoires aus.

Vor allem aber nehmen in Helmut Schweikers Pädagogik Improvisation, Realisation graphischer Notationen und allerlei Lernspiele wichtigen Raum ein. Durch seine Schriften zieht sich wie ein roter Faden die Vorstellung vom «spielerischen», «lustbetonten» Lernen mit «Freizeitcharakter», das «Spass machen» soll, auch wenn es Schwierigkeiten anzupacken und zu überwinden, sich mit Grenzen abzufinden gilt.

Keine Zweifel: Helmut Schweiker hat die Zeichen dieser Zeit erkannt. Er möchte der Jugend, abseits von den Leistungsforderungen von Schule und Beruf und dem abstumpfenden Überangebot der Konsumgesellschaft, einen Freiraum für aktive, wertungsfreie Selbstentfaltung bieten.

Da wird das «Blasen» beinahe zur alternativen Lebensform, der ein ansehnlicher Teil der Freizeit gewidmet wird, als gälte es, etwas von jenen goldenen Zeiten zu erhalten, die uns der greise Henri Renart heraufbeschwört (BB 32): als «eben selber Musik machen musste, wer sich unterhalten wollte».

Ein Höhepunkt ist für die württembergischen Chorbläser der zweijährlich stattfindende «Landesposaunentag» in Ulm, wo sich die Bläser auf dem Münsterplatz zu einer echten «Symphonie der Tausend» zusammentun.

«Posaunenarbeit» — ist das nicht ein schöner Oberbegriff für das, was wir Blechbläser eigentlich alle leisten oder leisten möchten? Leute wie Helmut Schweiker leisten es mit Hingabe und Geschick dort, wo es am nötigsten ist: an der Basis, um nicht zu sagen: auf der Strasse.

Dass die Weltgemeinde der Blechbläser ohne sie erheblich ärmer und kleiner wäre, ist wohl die mindeste Anerkennung, die man ihnen zollen muss.

Wohlan denn: Es lebe die Posaunenarbeit!

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