Um sich Spannungs- und Entspannungsgefühle bewusster zu machen, legen Sie sich erst einmal am Boden auf den Rücken, die Arme längs des Körpers ausgestreckt, die Handflächen nach unten. Senden Sie jeder Zehe den Befehl, sich anzuspannen und dann zu entspannen. Fahren Sie so nach oben fort, über die Knöchel, die Beine, das Gesäss bis zum Rücken. Dann setzen Sie das Wechselspiel von Spannung und Entspannung fort, bis zum Kopf hinauf und die Arme hinunter zu den Fingern, schliesslich zurück zu den Zehen.
Um sich vollständiger zu entspannen, können Sie, während Sie noch am Boden liegen, folgendes tun: Denken Sie an einen Ort, wo Sie sich von selbst entspannen können, sei es am Strand, im Wald oder einem bestimmten Zimmer. Schliessen Sie die Augen, suchen Sie im Geist diesen Ort auf und werden Sie der äussersten Ruhe der Umgebung gewahr. Fühlen Sie vor allem, wie ruhig und gleichmässig Ihre Atmung ist. Wenn immer Sie, im Laufe der folgenden Atemübungen, Spannungen in Brust oder Hals verspüren sollten, so versuchen Sie jene ruhige, gleichmässige Atmung wiederzuerlangen, die Sie mit einem besonders entspannenden Ort assoziieren.
Setzen Sie sich nun auf einen Stuhl, beide Füsse flach am Boden. Beugen Sie sich nach vorn und spannen Sie Ihren Körper an, wie wenn Sie Mühe mit dem Stuhlgang hätten. Die dadurch entstehenden Spannungsgefühle in Hals und Brustkorb sind beim Spielen zu vermeiden. Nun sollten Sie ein etwas spezifischeres Verständnis von Spannung und Entspannung haben.
Stehen Sie nun still, ohne Ihr Instrument zu halten, die Füsse ungefähr schulterbreit auseinander. Schultern und Hüften sollten in derselben Ebene liegen, aber nicht in der Taille zurückgezogen werden. Lehnen Sie sogar leicht nach vorne, so dass Sie sich gleichsam «am Boden festgewachsen» fühlen.
Legen Sie eine Hand gleich unter der Gürtelschnalle auf den Leib. Atmen Sie langsam ein, mit einem «tiefen» Atemzug, der Ihre Hand nach aussen drückt. Sie können sich Ihre Gürtellinie als den Äquator eines sich ausdehnenden Fasses vorstellen. Füllen Sie das Fass mit Luft, von diesem unteren Bereich her (gleich unterhalb der Gürtellinie).
Geben Sie dann langsam einen konzentrierten, gerichteten Luftstrahl ab, indem Sie Ihre Hand langsam, aber ziemlich kräftig nach innen drücken. Wenn Sie ausatmen, schicken Sie vorerst die Luft so durch Ihren Brustkorb, wie wenn sie ein heftiger Wasserstrahl wäre. Wenn dann die Luft zwischen den Lippen Ihren Körper verlässt, stellen Sie sich vor, dass Sie die Luft von sich wegstrahlen, so wie wenn Sie eine Kerze am andern Ende des Zimmers zum Flackern bringen möchten. Diese Vorstellung vom «Fokussieren» der Luft bedeutet, sie in einen intensiven, gerichteten Strahl zu bündeln.
Wiederholen Sie diese Ein- und Ausatmungsvorgänge ohne zu befürchten, irgend eine der physischen Bewegungen zu übertreiben.
Führen Sie Ihre freie Hand zu den Flanken und zum Rücken; fühlen Sie die Ausdehnung und Kontraktion um Ihre ganze Gürtellinie herum, wenn Sie ein- und ausatmen. Atmen Sie in langsamem, aber gleichmässigem Rhythmus. Legen Sie die Fingerkuppen oberhalb des Schlüsselbeins vorn an die Basis des Halses und lassen Sie diese Region sich beim Ausatmen so stark wie möglich heben und ausdehnen.
Betrachten Sie diese Gegend als Anzeiger für die Kraft und Gleichmässigkeit, mit der Sie den Luftstrom emporbefördern. Die Luft sollte so konstant heraufströmen, dass sie sich vorn im Mund zu konzentrieren scheint.
Fahren Sie fort, gleichmässig zu atmen. Legen Sie Ihre Hand leicht auf den Hals. Er ist unverspannt und fühlt sich also völlig anders an als damals, als Sie sich auf dem Stuhl nach vorn lehnten und den ganzen Körper anspannten. Dieses freie, offene Gefühl wird doppelt so stark sein, wenn Sie spielen.
Tonbildungsübungen
1. Spielen Sie Nachfolgendes auf irgendeinem tiefen Ton, der Ihnen bequem liegt. Denken Sie an Ihre Atmung und achten Sie nach Möglichkeit darauf, dass Artikulation, Dauer und Stärke der Töne durchwegs konstant bleiben. Jede Note wird ausgehalten, bis die nächste beginnt, ausser bei Atemstellen. Es empfiehlt sich, diese Übung nur auf zwei verschiedenen Tönen pro Tag auszuführen.
Ist diese Art von Atmung anders, als wie Sie bisher geatmet haben? Welche Vergleiche können Sie jetzt anstellen?
Wenn Sie nun diese Atemmethode auf die folgenden Übungen und auf Ihr gesamtes Spiel anwenden, werden Sie entdecken, dass es jetzt leichter fällt, Phrasen zu spielen (statt nur Einzeltöne zu artikulieren). Darüber hinaus wird Ihr Ton Ihren Wunschvorstellungen näher kommen. Sie beherrschen Ihr Instrument, und nicht umgekehrt!
Hat sich Ihr Ton im Laufe dieser Übung verbessert? Wenn Sie dabei die Dynamik variieren, was machen Sie dann anders, und welches Gefühl haben Sie dabei?
2. Spielen Sie folgendes in einem Tempo und einer Lautstärke, die es Ihnen erlauben, alles in einem Atem zu blasen. Wiederholen Sie die Übung in allen Tonarten.
Passen Sie beim Üben auf, dass Sie auf dem Schlag spielen — dann wird man Sie beim Zusammenspiel nicht beschuldigen, zu «schleppen», wie es Blechbläser (tiefe im besonderen!) gerne tun, obschon das vielleicht der am wenigsten verzeihliche aller Fehler ist.