Text und Bilder dieser Publikation entstammen der von Prof. Dr. Franzgeorg von Glasenapp verfassten und zusammengestellten Veröffentlichung der Joachim-Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften in Hamburg: Varia / Rara / Curiosa (Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 1971), welche wiederum Teil eines später zu erscheinenden Werkes des gleichen Verfassers bildet.
Das « grand siècle » der « Drôlerien » war das Zeitalter der Gotik. Musikdarstellungen aus dem Mittelalter, d.h. 12. bis 15. Jh., zeigen sehr oft einen heiteren Unterton. Man pflegte sie früher « Karikaturen » oder « Satiren » zu nennen, jedoch verwendet man heute eher den Terminus « Drôlerie », mit welchem Wort die Grundhaltung des Scherzhaften, Spielerischen festgehalten wird. Der Künstler arbeitet mit lustigen Einfällen und schöpft die Motive zu den Drôlerien aus den verschiedensten Quellen: alltägliche Wesen und Gegenstände werden scherzhaft abgewandelt und die verschiedensten Phantasiegebilde hinzugefügt. Auch Glaube und Aberglaube wurden in den Kreis der Drôlerien einbezogen, sowie Kritik an Zeitgenossen, an der Geistlichkeit und selbstverständlich am Spielmann und Gaukler.
Der Spielmann konnte durch seine Wendigkeit und Vielseitigkeit praktisch jeden Bereich des kulturellen, wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Lebens beeinflussen. Diese unentbehrlichen Musiker sind die « all-round-men » des Mittelalters, die eigentlichen Vorgänger des aalglatten Figaro. Die Kirche verhielt sich anfänglich dem Spielmann gegenüber meist ablehnend: er wurde als « minister » des Teufels oder sogar als Teufel selbst hingestellt.
Im Hochmittelalter jedoch neigte man von der Kirche aus offiziell zur Toleranz den Spielleuten gegenüber, soweit sie sich gesittet benahmen oder gar im kirchlichen Leben mit ihrer Kunst dienten — ganz abgesehen von privaten Dienstleistungen bei hohen Kirchenfürsten.
Die Frage, warum an und in Kirchen des Mittelalters so oft Abbildungen von Spielleuten und Gauklern vorkommen, kann nicht eindeutig beantwortet werden. Es könnte sein, dass der Gaukler als Symbol der leichtfertigen « Vanitas » als abschreckendes Bild dienen sollte, oder aber dass betont werden sollte, dass das Haus Gottes als Abbild des ganzen Kosmos anzusehen ist, zu dem eben der Spielmann und Gaukler auch gehören. Es dürften aber auch bei der Konzeption der Abbildungen der Spielleute Elemente der Drôlerie mitgewirkt haben (Abb. 2).
Die Abbildungen von Spielleuten vermitteln im grossen und ganzen eine verständliche Aussage. Je mehr Bildmaterial aus dem Mittelalter erschlossen wurde, desto mehr ist man zur Überzeugung gekommen, dass die damaligen Künstler Einzelheiten der Instrumente sehr wohl gekannt haben und in unserem Sinne exakt darstellen konnten — wenn sie es für richtig hielten. Freilich wird man auch immer wieder stilisierte Instrumente abgebildet sehen (Abb. 3). Es könnte sein, dass diese Instrumente als Attribute zur Spielergestalt aufgefasst wurden, wie z. B. auch die Langtrompeten bei Engeln des Jüngsten Gerichts.
Metallblasinstrumente auf Abbildungen aus dem Mittelalter sind meist leicht als solche zu erkennen (im Gegensatz zu solchen von Blasrohren anderen Materials), auch wenn es sich um « Kuriositäten » handelt. Bei der Betrachtung der Abbildungen gilt im Allgemeinen die Faustregel, wonach ein enges und (mit etwa 2/3 der Gesamtlänge) zylindrisches Blasrohr zur Trompetenfamilie, die konische Form zu den Horninstrumenten gezählt wird.
1. Darstellung eines Hornbläsers aus Aulnay (Charente marit.), Kirche St. Pierre, Vorchor 5. Konsole links. 12. Jh.
2. Spielmann und zwei Akrobaten. Das Blasinstrument, das der Spielmann in der Mitte am Mund hält, ist bis auf ein kesselartiges Mundstück zerstört. Die beiden Gaukler machen einen Bogen rückwärts. Die rechte Figur ist von hinten gesehen, die linke von der Seite. 1. Hälfte 12. Jh. Foussais (Vendée), église extérieure, façade ouest, portail.
3. Tierdressur. Spielmann mit einem Blasinstrument (die Lippen sind an der Ansatzstelle zu sehen). Funktion der greifenden Hände unklar. 13. Jh. Paris, Bibl. nat., Cod. lat. 8846, fol. 50, psautier (manuscrit).
4. Fabelwesen mit Flügelhelm und verbundenen Augen beim Spiel eines Blasinstrumentes und Schlaginstrument — überkreuzte Spielweise. Um 1280. Rouen (Seine-Maritime), cathédrale, portail des Libraires. Drôlerie.
5. Zentaur mit Langtrompete. Um 1470. Darmstadt, LB, Hs. 1968; livre d'heures, Bruges, fol. 13, bordure.
6. Zwei Teufel mit Langtrompete und Kleinpauken, die mit Keulen geschlagen werden. — Ausschnitt aus dem « Weltgericht » von Stefan Lochner (1410–1451). Cologne, Musée Wallraf-Richartz.
7. Scherzfigur mit Langtrompete auf einem kleinen Elefanten reitend. Ende 13. Jh. Paris, Bibl. nat., Cod. fr. 95, anthologie ms. de romans français.
8. Scherzfigur eines menschlichen Rumpfes mit zwei Gesichtern, von denen aus nach rechts und links je eine Trompete geblasen wird. Links ein kleines Fabelwesen. Ende 13. Jh. Paris, Bibl. nat., Cod. fr. 95, anthologie ms. de romans français, fol. 261r.
9. Zwei gegenüberstehende Fabelwesen mit Kopf und Oberkörper von Menschen und Füssen von Tieren. Beide Figuren haben in der einen Hand eine Langtrompete, in der anderen eine Glocke. Die Schallstücke der Trompeten und unteren Ränder der Glocken sind vom Zeichner spasshaft (?) deformiert. Ende 13. Jh. Paris, Bibl. nat., Cod. fr. 95, fol. 52v.
10. Kleine Figur (Affe?) mit Brille, die eine grosse Trompete mit zwei Knäufen wie ein Hörrohr ans Ohr hält. Mitte oder Ende 13. Jh. Paris, Bibl. nat., Cod. lat. 10435. Psautier de la Picardie, fol. 137.