BrassBulletin

Internationales Magazin für Blechbläser

Brass Bulletin 32, IV / 1980 (Seite 4–5) · 2 Min. Lesezeit
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Vorwort

Fortschritt in Schüben

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Eine der faszinierendsten Erscheinungen im Musikerleben ist für mich das, was ich das «Phänomen des schubweisen Fortschritts» nennen möchte.

Es ist von den ersten Stunden des Anfängers an zu beobachten und so lange, wie ein Instrumentalist sich zu verbessern trachtet. Verhältnismässig rasch erfasst das Gehirn gewisse Elemente des Spiels, doch dann stagniert es — bisweilen furchtbar lang — und weist alle Lösungen von sich, die weiteren Fortschritt erlauben könnten. Die Flinte ins Korn werfen? Nein, denn plötzlich zeigt sich dieses Gehirn wieder willig und wartet mit einer anscheinend «leichten» Lösung auf.

Die Kunst des Musikers besteht nun zu einem grossen Teil darin, mit seinem Gehirn Katz-und-Maus zu spielen, ihm immer wieder verborgene Schätze zu entwinden.

Nun steht, und das ist das «Drama», jeder solche «Schub» in Zusammenhang mit dem ureigenen Gleichgewicht des Individuums, welches sich ebenso von seiner Intelligenz, seiner Bildung, seiner Sensibilität und Erregbarkeit, seinem familiären Milieu wie von den Einflüssen seiner Lehrer und Vorbilder leiten lässt.

Einem Musiker, der auf der Höhe seiner Schaffenskraft und geistigen Reife steht, mag es eine Übung, ein Text plötzlich erlauben, ein Problem zu lösen, während ein anderer, in parasitäre Probleme verstrickt, machtlos gegen die innere Mauer anrennt, die seinen Fortschritt blockiert.

Sture technische Büffelei wird da auch nicht weiterhelfen. Mit seiner eigenen Existenz müsste man sich beschäftigen. Einmal seinen Gedanken freien Lauf lassen und die Sterne betrachten (sich dem Unendlichen öffnen) oder eine Blume (ein Detail erforschen) oder einen Wasserlauf (Bewegung erleben). Das erschliesst eine ungeahnte Vielfalt neuer Denkbahnen.

Gelingt es uns dann, solche gedanklichen «Exkurse» in unser musikalisches Erleben zu «transponieren», so kann dieses endlich den ihm zustehenden Raum einnehmen und wird uns vielleicht sogar jene tiefe Identität offenbaren, die wir alle suchen.

Einige unter uns mögen besser gewappnet sein, sich dem Rampenlicht zu stellen als andere. Doch was letztlich zählt, ist unser ganz individueller und privater «langer Marsch» zu einer Leistung, die vor unserem Gewissen bestehen kann.

Wer hat nicht schon einmal fasziniert die präzisen, raschen und stimmigen Bewegungen eines Handwerkers (Korbers, Fleischers, Schneiders) beobachtet? Eine täglich stundenlang sich wiederholende Praxis hat hier aus physiologischer Eignung hochspezialisierte Virtuosität gemacht, aus der jede überflüssige Bewegung verbannt ist.

Was den Künstler vom Handwerker unterscheidet, ist, dass diejenigen Fortschritts-«Schübe», die «seine Bewegungen befreien», ihn bestenfalls auf eine Vorstufe von Kunst hieven. Was der Musiker erstrebt und beständig zu «erhöhen», zu «erweitern», zu «vertiefen» und «anzunähern» suchen muss, ist der sich laufend erneuernde Ausdruck seiner gelebten Wahrheit. Dazu muss er sich unbedingt getrauen, einmal — sagen wir — einem Wildtier tief ins Auge zu blicken, dem Bohren des Holzwurms zu lauschen, die Botschaft einer dargebotenen Hand zu erfühlen. Solch kostbare Begegnungen ermöglichen es uns, inmitten der schwindelerregenden Unermesslichkeit unserer Umwelt einen Platz zu beziehen — wie furchtsam und schwächlich auch immer.

Durch Brass Bulletin spüre ich nun schon seit bald zehn Jahren* die Zahl der «Mitverschworenen» ständig ansteigen, derjenigen Musikerkollegen, die nur schon durch ihre Treue ihren Willen bezeugen, ihren Weg zu verfolgen zu einer Leistung, die zufrieden macht.

Bleibt nur noch zu hoffen, dass wir in den kommenden Jahren unser noch mehr werden — auf dass das Beispiel unseres musikalischen Strebens dem Weltfrieden diene. Für das kommende neue Jahr möchte ich Ihnen alles musikalische Glück wünschen, das Ihnen möglich ist.

* Brass Bulletin wird 1981 seinen 10. Geburtstag feiern!

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