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Vorwort

Vorwort

Der kolossale Aufschwung der internationalen Musikwettbewerbe der letzten Jahre veranlasst mich dazu, unsere Leser zu bitten, folgendes Schreiben zu überdenken:

An das Internationale Olympische Komitee.

Sehr geehrte Herren,

Wie Ihnen bekannt sein dürfte, gehören die Blechblasinstrumente zu den Musikinstrumenten, welche ein äusserst intensives physisches und psychisches Training erfordern.

Seit einigen Jahrhunderten und infolge grössten persönlichen Einsatzes sind unseren Instrumentalisten ganz aussergewöhnliche Leistungen gelungen. Dank dem sehr strengen technischen Unterricht wird der musikalische Parcours (auch « Stücke » oder « Werke » genannt) samt den von den Komponisten aufgestellten Hindernissen fliessend absolviert.

Unter strenger Aufsicht unserer Trainer werden täglich Tausende von Mitgliedern unserer Verbände dazu angehalten, die bestehenden Rekorde zu brechen. Seit fast zwei Jahrhunderten haben wir unsere eigenen Wettbewerbe, welche — zur Begeisterung eines stets wachsenden Publikums — zu verblüffenden Resultaten geführt haben.

Die auffälligsten Disziplinen sind: Höhe, Dauer, Intensität (in Dezibeln), Ausdauer. Stilfiguren (ad lib. und obbl.) sind besonders geschätzt, während die Steigerung der Notenzahl pro Sekunde zu passionierten Wettbewerben Anlass gibt, vor allem seit der Einführung des elektronischen Zählers.

Aus diesen Gründen möchten wir Sie, sehr geehrte Herren, bitten, von unserer Kandidatur für die Olympischen Spiele Kenntnis zu nehmen. Wir sind überzeugt, dass die Aufnahme unserer Disziplinen nicht nur die Rekorde unserer Bläser erheblich steigern wird, sondern dass die Teilnahme der Blechbläser an den Spielen eine besondere Attraktion und ein entschiedener Publikumserfolg sein wird.

In der Hoffnung, dass das Internationale Olympische Komitee unser Gesuch mit Wohlwollen betrachten wird, zeichnen wir

In lautester Höchsttönung,
Internationaler Verband
der sportlichen Blechbläser

Dies wäre nichts als ein erquicklicher Spass, wenn nicht ein Grund trauriger Wahrheit dahinterstecken würde: Der Hang zu immer mehr Wettbewerben mit immer steigenden Höchstleistungen auf technisch-virtuosem Gebiete führt den Musiker stets weiter von seinem Urgrund weg. Wettbewerbe sind verbunden mit Ambitionen, mit spektakulären Erfolgen; sie erwecken den Durst nach Ruhm und Geld.

Und was wir heutzutage wirklich brauchen, das ist der künstlerische Ausdruck, und zwar vom einfachen Ursprung der Musik, des Klanges her, dort wo jeder Ton einer neuen Hoffnung Ausdruck gibt.

Wir brauchen eine Renaissance der Musik, indem wir sie von allem Überflüssigen, Unechten, das sich ihr im Laufe der Jahre angehaftet hat, befreien.

Die heutige Musik ist mit einer riesigen Torte vergleichbar: zu gross, zu hoch, zu farbig dekoriert (möchte fast sagen: geschminkt), kurzum zu « schön », zu « perfekt » — und deshalb unessbar, weil das Äussere wichtiger geworden ist als der einfache, gute Geschmack des Kuchens.

Mein Wunsch wäre es, die Musik denen zu entreissen, für die sie nichts als ein Mittel zu Geld und Ruhm geworden ist, und ich möchte sie zu ihrem Ursprung zurückführen, dorthin wo die Menschen ihren Traum träumen und wo die Musik, von allem Ballast befreit, uns innerlich direkt anspricht.

Gewiss, unser Unterricht wird nicht ausschliesslich vom sportlich-wettbewerblichen Gesichtspunkt aus erteilt. Viele Musiker führen ihre Schüler in die Welt der höheren Werte ein, ziehen Ausdruck und Interpretation dem technischen Training und den endlosen Übungen vor. Nur nehmen sie damit das Risiko auf sich, gegen die Reglemente der öffentlichen Institutionen zu verstossen, die sich oft noch an alte Normen festklammern, welche zu einem grossen Teil die Ursache der heutigen Malaise, der « Erstickung » der Musik sind.

Wenn man Musik-Wettbewerben oder Prüfungen beiwohnt, bekommt man manchmal das Gefühl, Sport-Trainer anstatt Musikprofessoren vor sich zu haben, während die Jury mit Vorliebe Super-Modelle auszuwählen scheint!

Unsere heutige Welt hat ein fast krankhaftes Bedürfnis nach Super-Menschen, Super-Produkten, Super-Stars, während das Einfache, das Geistige bedenklich in den Hintergrund gedrängt wird.

Die Frage ist: Wird man wirklich die Musik auf Wettbewerb-Ebene weiterbetreiben?

Jean-Pierre Mathez.

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Brass Bulletin 5, II / 1973 Seiten 5–10

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