Brass Bulletin 36, IV / 1981 (Seite 3–6) · 2 Min. Lesezeit
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Die internationalen Wettbewerbe

Kurzsichtig oder verknöchert?

Zusätzlich zu unseren ausführlichen Berichten und Bemerkungen über die Wettbewerbe von Genf (Trompete) und München (Posaune) in der Separaten Zeitung dieser Nummer möchte ich hier die Debatte über das heisse Thema «internationale Instrumentalwettbewerbe» eröffnen.

Überblickt man die Wettbewerbs-Resultate der letzten Jahre, kommt man nicht umhin zu fragen, ob die Juroren, die da in den Komitees thronen, wirklich fähig sind, die grossen Solisten von morgen herauszufinden, vorauszuspüren. Wissen sie wirklich, welches Format es für eine solche Laufbahn braucht? Und gemessen an wem? In Bezug worauf?

Man könnte meinen, gewisse Preisgerichte hätten ein Brett vor dem Kopf.

Nehmen wir Guy Touvron, einen der musikalischsten, künstlerischsten, sensibelsten und virtuosesten Trompeter seiner Generation. Macht er nun die brillante internationale Karriere, die er verdient, oder nicht? Weder die Jury von Genf noch diejenige von München haben es vorausgesehen, es ihm zutrauen wollen: nur immer zweite Preise haben sie ihm zugestanden. In Genf wurde er innert vier Jahren zweimal für «dem wünschbaren Format nicht entsprechend» befunden. Schliesslich haben sich nun die Genfer Organisatoren, von den Tatsachen eines Besseren belehrt, nicht entblödet, den gedemütigten Kandidaten von einst als Preisrichter einzuladen.

Ein Gleiches ist in München mit dem Posaunisten Branimir Slokar geschehen. Doch welche Massstäbe soll nun ein Slokar oder Touvron anlegen, um als Mitglied einer offenbar so diffizilen Jury die Zuerkennung eines ersten Preises abzuwägen? Wir wünschten uns gerne eine Antwort!

Die beiden Beispiele stehen nicht allein da. Es liesse sich auch ein Bernard Soustrot anführen, der in Genf nicht einmal zur Endrunde zugelassen wurde und der heute eine steile und unaufhaltsame internationale Karriere erlebt. Oder Michel Becquet, in München auch nur Zweiter, dessen Laufbahn und Anerkennung in der Posaunistenwelt dem Verdikt seiner Juroren Hohn spricht.

Kurzum: Etwas ist faul im Staate Dänemark.

Die internationalen Wettbewerbe scheinen — mit wenigen Ausnahmen — unter Kurzsichtigkeit zu leiden, und diese verknöchernden Institutionen täten gut daran, sich um etwas mehr geistige Öffnung, Sensibilität und Mut zum Risiko zu bemühen, wenn sie weiterhin die Rolle eines Katalysators für die Laufbahn junger Solisten zu spielen wünschen.

Sind die internationalen Wettbewerbe noch zeitgemäss, und dienen sie wirklich der Förderung junger Musiker? Oder sind sie nicht vielmehr nur ängstlich auf ihr Image, ihr Prestige bedacht? Mit anderen Worten, sind die Kandidaten nur noch Hampelmänner?

Wer unter unseren Lesern einschlägige Erfahrungen gemacht hat — sei es als Juror, Kandidat (erfolglos oder erfolgreich) oder Veranstalter, oder wer sonst Argumente pro oder kontra Wettbewerbe vorzubringen hat, möge uns doch bitte schreiben. Die Debatte — in erster Linie konstruktiv gemeint — sei hiermit eröffnet.

Die Zeit

Des Musikers leichtverderbliches tägliches Brot

Die klassischen Strukturen der abendländischen Musik beruhen auf einem symbolischen, zeitgebundenen Schema «Beginn — Ablauf — Ende», das uns aus den philosophischen Grundlagen und dem Weltbild unserer Zivilisation überkommen ist.

Doch unser tägliches Leben nimmt immer mehr den Charakter eines apokalyptischen Wettlaufs gegen die Uhr an. Die aufgestaute Müdigkeit macht die Leute unempfindlich für die Ruhe (da schläft man ein) und damit auch für langsame, meditative, tiefgründige, zeitlose Musik (auch da schläft man ein). Das Tempo ist zum Höllentempo geworden, auf dass man durchhalte, wach bleibe und die Illusion eines aktiven, erfüllten Lebens bewahre...

Das ist das Reich der Technik, des rasenden Ausstosses an Tönen, der unsere Ohren und unsere Sinne überschwemmt.

Die Erschöpfung legt jenen Schleier von Leere über unsern Blick. Übertreibe ich? Schauen Sie um sich, beobachten Sie sich selber!

Wir führen einen absurden Krieg gegen die vergehende Zeit, mit immer mehr Waffen auf immer kleineren Schauplätzen...

Léo Ferré, der grosse französische Sänger, sagte in einem Interview, dass sich die Menschen darauf versteifen, leben zu wollen, ohne den Hundertstelsekundenzeiger der Stoppuhr je aus den Augen zu lassen. Ein echter Alptraum!

Wir Musiker haben ein lebenswichtiges Bedürfnis nach Ruhe, nach Verfügbarkeit in der Zeit, um uns in unserer Kunst vervollkommnen zu können. Die Beschaffung des täglichen Brotes braucht schon genug Zeit — halten wir uns deshalb mit Händen und Füssen welche frei!

Denn Zeit ist, entgegen dem Credo der Geschäftsleute, nicht Geld, sondern LEBEN!

Was ich deshalb unseren Brass Bulletin-Lesern für das neue Jahr 1982 wünsche, ist ein grosses, schönes Adagio mit vielen Fermaten!

Jean-Pierre Mathez

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