Die Zeit
Des Musikers leichtverderbliches tägliches Brot
Die klassischen Strukturen der abendländischen Musik beruhen auf einem symbolischen, zeitgebundenen Schema «Beginn — Ablauf — Ende», das uns aus den philosophischen Grundlagen und dem Weltbild unserer Zivilisation überkommen ist.
Doch unser tägliches Leben nimmt immer mehr den Charakter eines apokalyptischen Wettlaufs gegen die Uhr an. Die aufgestaute Müdigkeit macht die Leute unempfindlich für die Ruhe (da schläft man ein) und damit auch für langsame, meditative, tiefgründige, zeitlose Musik (auch da schläft man ein). Das Tempo ist zum Höllentempo geworden, auf dass man durchhalte, wach bleibe und die Illusion eines aktiven, erfüllten Lebens bewahre...
Das ist das Reich der Technik, des rasenden Ausstosses an Tönen, der unsere Ohren und unsere Sinne überschwemmt.
Die Erschöpfung legt jenen Schleier von Leere über unsern Blick. Übertreibe ich? Schauen Sie um sich, beobachten Sie sich selber!
Wir führen einen absurden Krieg gegen die vergehende Zeit, mit immer mehr Waffen auf immer kleineren Schauplätzen...
Léo Ferré, der grosse französische Sänger, sagte in einem Interview, dass sich die Menschen darauf versteifen, leben zu wollen, ohne den Hundertstelsekundenzeiger der Stoppuhr je aus den Augen zu lassen. Ein echter Alptraum!
Wir Musiker haben ein lebenswichtiges Bedürfnis nach Ruhe, nach Verfügbarkeit in der Zeit, um uns in unserer Kunst vervollkommnen zu können. Die Beschaffung des täglichen Brotes braucht schon genug Zeit — halten wir uns deshalb mit Händen und Füssen welche frei!
Denn Zeit ist, entgegen dem Credo der Geschäftsleute, nicht Geld, sondern LEBEN!
Was ich deshalb unseren Brass Bulletin-Lesern für das neue Jahr 1982 wünsche, ist ein grosses, schönes Adagio mit vielen Fermaten!
Jean-Pierre Mathez