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Vorwort

Vorwort

In unserer letzten Nummer hat Thomas Stevens das Problem des Musikalitätsbegriffs in seiner grundsätzlichen Subjektivität aufgeworfen. Seine Ausführungen schlossen mit der Frage: «Ist es möglich, international gültige Gütekriterien für musikalische Darbietungen zu entwickeln, welche legitimen nationalen, regionalen oder persönlichen Eigenheiten der Auffassung oder des Stils Freiraum gewähren?»

Die Frage verdient beantwortet zu werden, und wer sich darüber Gedanken gemacht hat, sei hiermit gebeten, sie uns mitzuteilen.

Ich für meinen Teil möchte auf drei entscheidende Elemente jeglicher Interpretation aufmerksam machen, als da sind: der «Code» kollektiver kultureller Normen, die in ihrer subjektiven Komplexität am meisten Probleme schaffen. Sie auferlegen dem intellektuellen, gefühlsmässigen und physischen Wahrnehmen und Erkennen einen Raster, den Überlieferung, Gewohnheit und über Generationen hinweg eingetrichterte instrumentale und interpretatorische Manieren geprägt haben. So kann es kommen, dass ein Musiker die Spielweise eines andern ganz einfach nicht erkennen kann und sich deshalb darüber lustig macht — lächelnd, lachend, sich den Bauch haltend: da ist die Verständigungslosigkeit perfekt, weil es nur Missverständnis gibt, wo Aufgeschlossenheit und Information fehlen.

Dann ist da, zweitens, die Persönlichkeit des Künstlers: was er zu sagen hat, die persönliche Substanz, die er seinem Ton verleiht und, vor allem, die Ehrlichkeit, die er seiner Interpretation mitzugeben vermag (jenes Moment der Wahrhaftigkeit, das es leicht macht, etwa grosse Bluessänger von ihren blässlichen kommerziellen Epigonen zu unterscheiden).

Drittens: der Grad der Treue und des Verständnisses, die der Interpret seinem Part, dem «Code» des Notentextes entgegenbringt. Da haben wir Blechbläser ja noch viel zu lernen. Bei Streichern, Holzbläsern, Pianisten, Sängern findet man immer wieder Interpreten, die über die Dimensionen dessen, was der Komponist schrieb, hinauswachsen. Diese Künstler haben jene Unabhängigkeit ihres musikalischen Bewusstseins erlangt, die ihnen erlaubt, zu den Wurzeln schöpferischen Denkens vorzudringen und dessen Wege blosszulegen.

Nun haben wir alle offensichtlich ganz verschiedene «Antennen». Wenn wir aber gewillt sind, sie auf toleranten Empfang einzustellen, müssen wir sie vorurteilslos nach allen «Sendern» ausrichten, wo immer sich diese befinden mögen: so werden sich nach und nach unsere Kenntnisse erweitern, bis wir in der Lage sind, die Authentizität und Wahrhaftigkeit auch einer Musiksprache zu spüren, die einem uns fremden kulturellen «Code» folgt (orientalische Musik, Avantgardemusik etc.).

Doch da berühren wir ein unendlich komplexes Feld (denn wie ähnlich und doch verschieden sind wir alle!). Seien wir vorsichtig mit vorschnellen Urteilen über jemandes «Musikalität». Da gibt es Musiker, deren Diskurs verlogen oder banal erscheint, obschon sie in Wirklichkeit eine tiefgreifende Wahrheit herausschreien, während andere — hohle Schönredner — die reinste Wahrheit zu verkünden scheinen...

Persönlich sehe ich in der Einfachheit einen der Schlüssel zum musikalischen Ausdruck, und daran sollte sich der Musiker halten, auf dass seine Sprache klar und transparent werde.

Wieviel Ergriffenheit oder Freude ein Musiker mitzuteilen vermag, wenn er kommunikationsfähig ist, hängt direkt von seiner Fähigkeit ab, die undurchschaubare Komplexität menschlicher Beziehungen durch den «Code der Codes» zu überwinden: den der Einfachheit.

Mit diesem Gedanken möchte ich Euch ein schönes und fruchtbares neues Jahr wünschen.

Jean-Pierre Mathez

Brass Bulletin 28, IV / 1979 Seiten 3–5

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