Brass Bulletin 19, III / 1977 (Seite 3–6) · 4 Min. Lesezeit
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Das Faszinierendste am Blechbläser ist wohl zuallererst der Klang, den er erzeugt, diese komplexe Substanz, die er ins Leben ruft. Der Reichtum dieser Substanz ist proportional zur Musikalität des Individuums, d. h. zur Qualität seiner perzeptiven (aufnehmen) und expressiven (wiedergeben) Fähigkeiten; sie entsteht durch das mehr oder weniger gelungene Zusammenspiel zwischen den äusserlichen Elementen und den Sinnen (äusserliche Elemente sind Ausrüstung, Akustik der Räume, akademischer Einfluss einer Klangästhetik oder Bewunderung bis zur Nachahmung des Klanges eines Meisters, usw.; Sinne: Wahrnehmung, Hörempfindlichkeit, Empfindung für die Obertöne — der Reichtum «tief/hoch» —, usw. und auch Ausdruck, Techniken, physische und psychische Möglichkeiten, usw.).

Die Ausrüstung ist wichtig. Die Instrumentenmacher schaffen ihre Modelle aus dem Zusammenwirken (auch hier) von ihren Kenntnissen der Metalle, der Mechanik und ihren akustischen Forschungen mit den Forderungen der Meister, die über die Instrumente regieren. Die Meister regen die Instrumentenmacher zu dieser oder jener Tendenz an (z. B. samtener, brillanter, harter Ton; kleine, mittlere oder breite Bohrung), so wirkt der Einfluss einiger weniger zu einer bestimmten Zeit auf eine Vielzahl von Schülern und auf die Mehrzahl der Instrumentalisten, ohne dass diese sich dessen bewusst werden!

Heute dominiert der Einfluss der Vereinigten Staaten: Instrumente mit breiter Bohrung, die einen vollen, mächtigen, kompakten Ton erlauben. Neulich sagte mir ein Amerikaner, er sei verwundert, dass auch in Europa immer mehr breite Bohrungen gewünscht werden. «Bei uns ist dieser Trend gerechtfertigt», sagte er, «unsere Orchester spielen meistens in Konzertsälen mit 3000 bis 4000 Plätzen oder im Freien, deshalb sind unsere Blechbläser gezwungen, ein Höchstmass an Macht zu entwickeln. In Europa dagegen herrschen wohl nicht die gleichen Verhältnisse (ausser für einige grosse Orchester)». Eine interessante Bemerkung!

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Die Akustik der Räume spielt auch eine Rolle, zwar ist sie das Zufallselement, dem der Musiker ausgeliefert ist (das Element, das von ihm auch die grösste spontane Anpassungsfähigkeit verlangt). Konzertsäle, Konzertplätze im Freien sind alle verschieden (unsere Architekten beherrschen die angewandte Akustik nicht mehr in dem Masse wie die griechischen Baumeister...). Einige Musiker erkennen sehr schnell die Eigenschaften eines Raumes und richten sich danach. Eigenartig, dass dieses Element beim Instrumentalunterricht noch immer völlig vernachlässigt wird!

Der akademische Einfluss der Klangästhetik (oder des gelehrten Klanges) reicht sehr weit. Wer aber bestimmt die Klangqualität? Utopisch definiert, wäre der «Idealklang» derjenige, der vom besten Musiker durch die einfachste (freieste), die ausgeglichenste Ansprache eines Tones auf dem besten Instrument erzeugt wird. Das ist aber nicht so einfach. Es gibt auch noch die alten idealen Klangvorstellungen, diejenigen, die in den Jahren 1895 oder 1920 oder 1950 Mode waren, und die ihre Spuren hinterlassen. Interessant ist die Feststellung, dass der Klang, der heute in den Akademien vorgezogen wird, «dick», mächtig, geschmeidig in allen Stimmlagen des Tonumfangs und in allen Lautstärken ist. Diese Klangvorstellung ist ein direktes Erbe der Romantik und ihres grossartigen Sinfonieorchesters (das heute noch vorherrscht).

Diese von Generation zu Generation (mündlich) überlieferte Kollektivvorstellung des idealen Klanges ist an sich recht geheimnisvoll; man ist auch berechtigt, sich einige Fragen zu stellen (sofern man diesen Einfluss anerkennt): Ist es richtig, frühere (vor-romantische) Musik (Renaissance, Barock, Klassik) oder Kammermusik oder Musik für Blechbläserensembles mit diesem «symphonischen» Klang zu spielen? In der Jazzmusik wird der Klang vom Stil und von einigen hervorragenden Musikern geprägt, trotzdem ist die persönliche Freiheit grösser (ausser den Forderungen der Big Bands). Tatsächlich ist und bleibt die Beurteilung dieses oder jenes Klanges etwas rein Subjektives, woher auch die Verlegenheit rührt, ihn anders als mit «gut» oder «schlecht» zu beurteilen...

Wir sprechen hier von einem Aspekt der Instrumentalkenntnis, der noch stark vernachlässigt wird, und den ernsthaft zu studieren spannend sein dürfte. Trotz den erwähnten Punkten denke ich, dass die äusserlichen Elemente, die den Klang eines Künstlers ausmachen, diejenigen Elemente sind, die am leichtesten zu begreifen, zu gestalten, zu beherrschen sind. Auf diesen Elementen fussen ja auch die meisten unserer Instrumentalmethoden, und auf sie beziehen sich auch die Komponisten.

Was die persönlichen Elemente der Klangvorstellung betrifft: Wahrnehmung, Hörempfindlichkeit, Empfindung usw., so sind sie bis ins Grenzenlose vielfältig und in ihren komplexen inneren Verkettungen nicht fassbar. Wir gelangen nämlich hier ins Gebiet der Anlagen, der Begabung, der Fähigkeit eines Musikers, ein äusserst heikles (empfindliches) Thema. Diese «naturgegebenen» Elemente waren es, die die Einstufung des Einzelnen in die Hierarchie der (Künstler-)Gesellschaft bestimmten. Heute aber lässt sich immer stärker ein vom Staat unterstützter Trend verspüren, die Musiker nach ihren Diplomen und nach den Stellen, die sie innehaben, einzustufen, was die gesamte Entwicklung der Musik falsch leitet (die Musik wird zum Beispiel von den Volksfesten abgeschnitten).

Vielleicht beginnt jetzt die Herrschaft der Diplomierten... (haben denn die Künstler, diese von den Völkern tolerierten Aussenseiter, einen zu starken Hang zum Revolutionieren?).

Das Noten-ABC unserer gelehrten musikalischen Bildung versucht ja das Gehör, den Gesang, usw. auszubilden, es bleibt aber auf einem allgemeinen Einführungsniveau stehen, es beharrt in einem musikalischen Bildungssystem, ohne sich um ein wahres Entdecken der individuellen Fähigkeiten zu bemühen, was sehr oft ein brutales Erwecken der Person angesichts ihres Lebens und ihrer sozialen Lage bedingen würde.

Diese Rolle übernimmt die Pädagogik nicht. Ihr Wirken bleibt oberflächlich und begnügt sich damit, eine bestimmte musikalische Tradition zu überliefern. Diese Musikpädagogik verfolgt hauptsächlich das Ziel, eine Superelite beispielgebender Künstler heranzuzüchten (vergleicht es mit dem Sport: unsere Kultur erzeugt — mit allen vorhandenen Mitteln — einige Supermeister, anstatt die körperliche Gesundheit der gesamten Bevölkerung zu fördern).

Auf dieser Ebene ist man logisch: man lehrt vor allem Instrumentaltechnik, wobei keine grundlegenden Fragen aufgeworfen werden und die Illusion des Fortschreitens vollkommen ist (eine wahre Fata Morgana...).

Wir Instrumentalisten, wir müssen uns unbedingt organisieren und uns mit den grundlegenden Fragen auseinandersetzen, welche Bildung, Kultur und Gesellschaft heute aufwerfen, anstatt uns ewig und immer mit technischen und historischen Problemen zu befassen, die uns schliesslich einer unkontrollierten Entwicklung der Zivilisation unterwerfen, die die Kunst (und das Individuum) zu einer Handelsware herabsetzen. Dies ist eine Herausforderung an die einzelnen Blechbläserorganisationen, die zwar vieles unternehmen (Wettbewerbe, usw., usw.), die aber die Diskussion um die Grundprobleme anscheinend nicht herausfordern wollen. Unsere Generation muss aber dahin kommen, wenn wir noch auf eine Zukunft hoffen wollen.

Der Klang ist meines Erachtens eine fortwährende Eroberung der Freiheit (und nicht eine angeeignete Technik).

Hinter jedem Klang lebt ein Mensch, der sich selbst sollte finden können.

Unternehmen wir etwas dafür.

Jean-Pierre Mathez

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