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Vorwort

Vorwort

Mit Brass Bulletin 14 haben Sie das komplette Programm des Ersten Internationalen Blechbläserkongresses erhalten. Dieser Kongress fand vom 13. bis 19. Juni in Montreux statt. Beim Durchlesen des Programms, mehr noch wenn Sie dabei waren, werden Sie gemerkt haben, dass es ein aussergewöhnliches Ereignis gewesen ist.

Ob sich die Veranstalter nicht etwas zu Grosses vorgenommen hatten? Diese Frage war berechtigt. Heute kann man sagen, dass sie ehrenhaft davongekommen sind.

Montreux, als Stadt mit touristischer Berufung, ist dazu angelegt, Kunden, vor allem Kongressteilnehmer, anzuziehen. Mich hat allerdings die auf Tourismus ausgerichtete Atmosphäre der Stadt gestört. Ausserdem waren die Räumlichkeiten, in denen der Kongress abgehalten wurde, nicht schalldicht; Strassenlärm (Durchgangsverkehr) und allerlei andere Geräusche machten einem das Zuhören und die Konzentration schwer.

Die Ausstellung (Instrumente, Zubehör, Partituren), die das kulturelle Angebot begleitete, war sehr reichhaltig und interessant. Die meisten grossen Namen aus Industrie und Handwerk waren vertreten. Die Musiker konnten durch alle möglichen Modelle und Mundstücke blasen. Einige haben es auch ausgiebig wahrgenommen. Folglich war es nicht gerade still auf dem Ausstellungsstockwerk.

Es fanden zahlreiche Begegnungen statt, und bestimmt hat jeder einzelne sympathische und nützliche Kontakte hergestellt. Trotzdem gelang es vielen Teilnehmern nicht, diesen oder jenen «Grossen» zu treffen, mit dem er sich gewünscht hatte zu sprechen.

Die Wahl zwischen den 12 (!) täglichen Vorträgen-Solokonzerten-Vorführungen war ziemlich schwierig. Oft sah man unentschlossene Musiker, die Angst hatten, etwas Wichtiges zu verpassen, von einem Saal zum anderen rennen (die Räume lagen auch noch ziemlich weit auseinander).

Zum Beispiel, kam ein Hornist auf die seltsame Idee, sich für ein die Posaune oder die Tuba betreffendes Thema zu interessieren, dann musste er die Sitzung opfern, die zu gleicher Stunde seinem Instrument gewidmet war. Wer die Wahl hat, hat die Qual! Dieser Marathonlauf war umso erschöpfender, da manches Dargebotene ausgesprochen einschläfernd ausfiel.

Nach einem ausgefüllten Tag, trunken von Tönen, Theorien und Eindrücken, liess sich der Kongressteilnehmer auf einen Sitz im Konzertsaal fallen, um sich mit letzter Kraftanstrengung dem reichhaltigen Programm des (mindestens dreistündigen) täglichen Konzerts zu stellen. Ich bin kein Musikkritiker (durchschnittlich waren die Konzerte sehr gut, und jeder konnte etwas für seinen Geschmack finden), spreche daher lieber vom Publikum. Mir fiel die weite Skala der Beifallskundgebungen auf, mit denen die verschiedenen Leistungen der Künstler und die verschiedenen Instrumente belohnt wurden. Seltsamerweise fällt für einen Hornisten der Beifall anders aus als für einen Tubabläser. Die technische Leistung wird von lauten Hurrarufen gefolgt, man steht auf, man zerfleischt sich die Hände, man zertrampelt den Fussboden. Der musikalischen Leistung hingegen wird ein langes aber diskretes, ja edles Händeklatschen zugedacht.

Im Grossen und Ganzen waren die Konzertprogramme konservativ, traditionsgebunden: Prüfungsstücke, Virtuosenstücke, Klassiker des Repertoires. Nichts aufregend Neues für einen Kongress — ich dachte nämlich, ein Kongress sei der Ort, wo neuartige Ideen und Techniken der Analyse und Kritik eines spezialisierten Publikums unterworfen werden. Stellt Euch z.B. vor, dass beim nächsten Chirurgentreffen — 1977 — ein «grosser» Spezialist sein Können und Raffinement bei einer Blinddarmoperation vorführt — und sich fürs Kunststück noch bezahlen lässt!

Einzig einige Posaunisten, Jazzmen und Tubisten wagten es, etwas Neues auf dem Gebiet der Ideen vorzutragen.

Leider sind die wichtigen Probleme (z.B. die Anpassung der Blechbläser an die verschiedenartigen heutigen musikalischen Entwicklungen oder der Preis für die Aufrechterhaltung des herkömmlichen musikalischen Erbes, u.a.m.) und die wichtigen Fragen (z.B. für wen spielen wir unser Instrument? Welches Image haben wir beim grossen Publikum?) nicht erwähnt oder nicht ausgiebig genug besprochen worden. Aus diesem Grund ist wohl die Schlüsselfrage der grossen Enddebatte unbeantwortet geblieben: «Und wohin jetzt?»

Brass Bulletin 15, III / 1976 Seiten 3–5

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